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Glacier Express

Glacier Express - Alpine Nostalgiefahrt

Manager Magazin/27.01.2005 Von Tobias Wiethoff, dpa

Für Liebhaber historischer Züge ist eine Fahrt in dem berühmten Orient Express sicherlich das Höchste der Gefühle. Dabei liegt das Gute doch so nah: Seit 75 Jahren rattert der schweizerische Glacier Express mit einer etwa gleich bleibenden Geschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde durch die naturbelassene Landschaft.

St. Moritz/Zermatt - Zugfahrten in Deutschland sind eine etwas freudlose Angelegenheit. Irgendwann weiß der Passagier nicht mehr, wohin mit Blicken und Beinen und verflucht die Bahn für jede Minute, die die Fahrzeit überschritten wird.

Zugfahrten in der Schweiz sind ganz anders: Eher gemächlich rollen die Waggons durch die Landschaft, die Aussicht aus dem Fenster aber ist so berückend, dass sich der Fahrgast beim Erreichen des Zielorts fast widerwillig aus seinem Logenplatz erhebt. Ganz besonders gemächlich geht es im Glacier Express zwischen St. Moritz und Zermatt voran, dessen Fans in diesem Jahr auf eine 75-jährige Geschichte zurückblicken können.

Rund siebeneinhalb Stunden braucht der Zug für die 291 Kilometer lange Strecke quer durch die Alpen. Die nicht gerade ICE-verdächtige Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 40 Stundenkilometern hat ihm den Superlativ des langsamsten Schnellzugs der Welt eingetragen - ohne Zweifel ein Ehrentitel.

Der Glacier Express nimmt sich die Zeit, die nötig ist, um Steigungen bis über 2000 Meter Höhe zu überwinden, und er schenkt den Passagieren die Zeit, die nötig ist, um all die Naturwunder am Wegesrand in sich aufzunehmen.

Man könnte versuchen, den Reiz des Glacier Express in Zahlen auszudrücken: Sieben große und kleinere Täler werden auf der Fahrt passiert, daneben 291 Brücken und nicht weniger als 91 Tunnel.
Aber der Umfang der spektakulären Ausblicke dazwischen lässt sich nur mit einem unbestimmten "zahllos" beziffern. Der Weg ist das Ziel - für den Glacier Express könnte dieser etwas abgenutzte Spruch erfunden worden sein. Dass am fahrplanmäßigen Ziel mit St. Moritz und Zermatt zwei der mondänsten Ferienorte der Welt locken, ändert daran nichts Grundsätzliches.

Beschauliche Bahnhöfe

Durch das Schweizer Burgenland führt dieser Weg, durch die Rheinschlucht mit ihren kalkweißen Felsen über türkisfarbenem Flusswasser, vorbei an Bergseen und Gletschern, über den 2033 Meter hohen Oberalppass, hinein in das Tal von Goms mit seinen Kühen und Walliser Holzhäusern.

Immer wieder passiert der Zug kleine Provinzbahnhöfe, die dazu einladen, auszusteigen und an Ort und Stelle ein neues, naturverbundenes Leben zu beginnen. Aber das geht nicht, denn sonst würde die Fahrt nicht siebeneinhalb Stunden, sondern siebeneinhalb Wochen dauern. Außerdem hält der Glacier Express nicht in jedem Nest - schließlich ist er ein Schnellzug.

Albulataler Viadukt als Wahrzeichen

Tatsächlich kann man dem Glacier Express nicht nachsagen, auf seinem Weg zu trödeln. Er sucht in der Regel die kürzeste Verbindung zwischen zwei Hindernissen, und die Schweiz besteht bahntechnisch gesehen fast nur aus Hindernissen.

Turmhoch bauen sich etwa die Viadukte im Albulatal auf. Dasjenige über der Landwasserschlucht ruht auf 65 Meter hohen Pfeilern, beschreibt einen Bogen von 45 Grad und mündet auf beiden Seiten in einem Felstunnel - Gründe genug, es zum Wahrzeichen der gesamten Strecke zu machen.

Langsamer Schnellzug

Seinen Status als Schnellzug verdankt der Glacier Express der Kombination verschiedener regionaler Bummelzüge. 1891 wurde die Strecke Visp - Zermatt eröffnet, 1904 die Strecke Chur - St.Moritz, 1912 die Strecke Chur - Disentis.

Um von St. Moritz bis Zermatt zu gelangen, fehlte aber noch ein 8,9 Kilometer langes Zwischenstück. Endlich beschlossen die Verantwortlichen der damaligen Visp-Zermatt-Bahn, ihre Gleise bis Brig zu verlängern. 1930 war das, und so feiert der Glacier Express 2005 sein 75-jähriges Bestehen.
Am Anfang war er von einem Schnellzug noch weiter entfernt als heute. Da sich die Gespanne in den ersten Jahrzehnten über den hochalpinen Furkapass quälen mussten, wurden für die Strecke zunächst elf, später noch fast neun Stunden benötigt. Die heutige Fahrtzeit gilt erst seit 1982, als die Eröffnung des Furka-Basistunnels nicht nur den Umweg über Gletsch, sondern auch die Unterbrechung des Betriebs im Winter überflüssig machte.

Zwar verpassen die Passagiere seitdem die Aussicht auf den Rhonegletscher. Trotzdem setzte in den Jahren nach der Eröffnung des Tunnels und dem damit verbundenen "Relaunch" des Glacier Express ein nie erwarteter Ansturm auf die Tickets ein.

Vergleichbar mit dem Orient Express

Rund 250.000 Passagiere werden inzwischen jährlich gezählt. Die Platzreservierung ist seit 1987 Pflicht. Der Glacier Express ist zum bekanntesten Markenartikel des Schweizer Bahnwesens geworden und reiht sich ein unter prominente Kollegen wie den Orient Express.

Das Flair der guten alten Zeit ist auf Fahrten im regulären Glacier Express allerdings nur beim Mittagessen im holzvertäfelten Speisewagen erlebbar, wo für die Passagiere in mehreren Schichten frisch gekocht wird.

Ungehinderter Rundumblick

Die rot lackierten Panoramawagen der Ersten Klasse sind modern - zu modern für den Geschmack manches Bahnfans: Die Fenster reichen bis tief ins Dach und ermöglichen einen fast ungehinderten Rundumblick. Geöffnet werden können sie aber nicht, was sich vor allem beim obligatorischen Foto des Landwasserviadukts als hinderlich erweist.

Trotzdem treiben Matterhorn Gotthard Bahn und Rhätische Bahn die Modernisierung weiter voran. Die inzwischen schon etwas angestaubte erste Generation der Panoramawagen soll ein Jahr nach dem Jubiläum für 60 Millionen Schweizer Franken (38,8 Millionen Euro) durch neues Rollmaterial ersetzt werden. Die Speisen kommen künftig direkt an den Sitzplatz.
Nostalgiker müssen Zuflucht in den restaurierten Pullmannwagen des Alpine Classic Glacier Express suchen. Er fährt 2005 an fünf Wochenenden zwischen Juni und Oktober.

Doch die Betreiber haben sich für das Jubiläumsjahr noch etwas Besonderes einfallen lassen: Dreimal zwischen Juli und September wird ein Glacier Express die ursprüngliche Route über den Furkapass unter die Räder nehmen. Das verlängert die Reise wegen einer eingeschobenen Hotelübernachtung zwar auf anderthalb Tage. Aber wahren Fans kann die Fahrt im Glacier Express gar nicht lang genug dauern.

Von Tobias Wiethoff, dpa

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